Gartentipp des Monats

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Flechten - eine faszinierende Lebensgemeinschaft

Wer hier einen Baumgeist sieht, der sich den Regen durch den Bart rinnen lässt, hat vielleicht nicht ganz unrecht. Auf dem Baumstamm haben sich Flechten angesiedelt.

Flechten auf einem Baumstamm

Flechten sind erstaunliche Anpassungskünstler: Sie leben an extremen Standorten und halten noch unter den ungastlichen Witterungsbedingungen von Hochgebirge und Tundra aus. Im hohen Norden bilden sie gar die winterliche Nahrungsgrundlage von Rentieren und Elchen. Sie wachsen auf Felsgestein, Holz oder Rinde und manchmal sogar auf "menschengemachtem" Untergrund.

Naturforscher Ernst Haeckel fertigte Detailstudien von Flechten an

Was ist eine Flechte?

Oft werden Flechten in einem Atemzug mit Moosen genannt - doch sie unterscheiden sich grundlegend von diesen. Denn die Flechte ist keine Pflanze im eigentlichen Sinn, sondern eine ausgeklügelte Lebensgemeinschaft zwischen jeweils einem Pilz und einem Photosynthese betreibenden Partner, z.B. einer Grünalge, einer Blaualge oder einem Cyanobakterium. Diese Symbiose ist für beide Parteien ein Gewinn: Der Pilz schützt die Alge vor Austrocknung und UV-Strahlung, die Alge versorgt im Gegenzug den Pilz mit Stoffwechselprodukten aus der Photosynthese.

Der Farben- und Formenreichtum der Flechten versetzte bereits den Naturforscher Ernst Haeckel in Staunen. In detailreichen Zeichnungen hielt er die filigranen Gebilde fest, an denen wir oft achtlos vorbeigehen. Das genaue Hinschauen lohnt sich: krustige Beläge und wellenförmige Lappen, kleine Trompeten, Becher, Fäden und Ästchen in Farben von Weiß über Grün, Gelb, Braun, Grau bis zu leuchtendem Rot warten auf Entdecker...

Flechten und Moose teilen sich oft den gleichen Lebensraum

Extremsportler und Überlebenskünstler

Weltweit sind rund 25.000 verschiedene Flechtenarten bekannt, davon in Mitteleuropa etwa 2.000. Viele Arten sind in der Lage, ihr Auskommen in extremen Lebensräumen zu finden. Von der Antarktis bis zum Himalaya, von tropischen Nebelwäldern bis in Wüstenregionen halten spezialisierte Flechten Temperaturen von -47 bis +80 Grad Celsius aus.

Als Nahrung reicht ihnen, was Wind und Regen vorbeibringen: Mineralien aus angewehtem Staub oder in Regenwasser gelöst. Sie wachsen nur sehr langsam - oft nur Bruchteile von Millimetern im Jahr. Werden die Zeiten hart, stellt die Flechte sich "tot": Im ausgetrockneten, inaktiven Zustand ist sie in der Lage, extreme Temperaturschwankungen und hohe Strahlungsintensitäten zu überdauern. Sogar im Weltraum überstehen Flechten die Bedingungen außerhalb der schützenden Erdatmosphäre für rund zwei Wochen, wie Experimente gezeigt haben.

Lässt die Wuchskraft eines Baumes nach, übernehmen Flechten das Revier

Schaden Flechten meinem Baum?

Treten Flechten auf der Rinde von Bäumen und Sträuchern auf, ist das erst einmal kein Grund zur Sorge. Flechten sind keine Parasiten. Sie leben als Aufsitzer auf dem jeweiligen Untergrund und dringen nicht in das lebende Gewebe des Baumes ein.

Sie bevorzugen Standorte, an denen sie sich gut verankern können, an denen sich Wasser und Staub ansammeln. Raue, rissige und poröse Rinde ist ein idealer Platz für eine Flechte.

Für einen altehrwürdigen Waldriesen ist ein dichter Pelz von Flechten auf der knorrigen Borke normal. Junge Schösslinge mit glatter, straffer, saftiger Rinde tragen dagegen noch keine Flechten.

Wenn also im Garten ein junger Strauch oder ein frisch gepflanztes Obstgehölz bereits nach wenigen Jahren durch dichten Flechtenbewuchs auffällt, kann das ein Hinweis sein, dass hier etwas nicht stimmt. Lässt die Lebenskraft eines Gehölzes nach, zeigt sich das unter anderem am Zustand der Rinde. Jetzt lohnt es sich, zu prüfen, ob der Standort richtig gewählt ist, ob ausreichend Nährstoffe zur Verfügung stehen und ob die Bodenverhältnisse den Bedürfnissen der Pflanze gerecht werden.

Auch auf Stein und Fels kommen Flechten vor

Faszination Vielfalt

Die Anpassung der Flechten geht sogar so weit, dass sich unterschiedliche Arten bevorzugt in bestimmten Kronenbereichen eines Baumes ansiedeln. Einige der seltensten unter ihnen stehen inzwischen auf der roten Liste der bedrohten Arten.

Flechten gelten als wertvolle Zeigerorganismen für die Luftqualität. Sie nehmen Stoffe, die im Regen und in der Luft enthalten sind, beinahe ungefiltert auf. Stört eine Veränderung der Umweltbedingungen das Stoffwechsel-Gleichgewicht im Zusammenleben zwischen Pilz und Alge, stirbt die Flechte ab. So zeigt sich anhand des Vorkommens verschiedener Flechtenarten in einer Region, wie die Luftqualität beschaffen ist.